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Flüchtlinge als Fachkräfte? Diskussion im Weißenburger Wildbadsaal

WEISSENBURG (ley) – Die Flüchtlingsfrage im Bezirk der Agentur für Arbeit Ansbach-Weißenburg ist eher eine „Frage der Grundsicherung als eine der Arbeitslosenversicherung“. Auf diese Formel brachte es im Wildbadsaal Michael van der Cammen, Bereichsleiter für Migration und Flüchtlinge in der Zentrale der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg. Seine Worte lösten rege Diskussion aus.
Wenngleich sie nicht allzu viele Zeitgenossen hörten. Rund 60 Besucher fanden sich zu der Veranstaltung ein, die mit einer diskutierfreudigen „Stammtischrunde“ einherging, die die Laientheatergruppe „Posthörnchen“ nachspielte. Hier kam die ganze Palette an Vorurteilen zu dem Thema zur Sprache: von den Migranten, die hier mehr Geld als Rentner bekommen, den Töchtern der Einheimischen hinterherlaufen, diesen aber jede Men­ge Geld kosten.
Doch gerade die Finanzfrage brach­te beim „Stammtisch“ die Wende. Lässt sich doch als Vermieter an den Flüchtlingen gutes Geld verdienen, während diese selbst das ihre wiederum in die deutsche Wirtschaft pumpten. Bei den Kosten setzte Cammen selbst an. Die Integrationskurse schlagen ihm zufolge freilich in den Kassen zu Buche. Böte man diese Bildungsmaßnahmen aber nicht an, kämen die Folgen dem Staat noch um ein Vielfaches teurer.
Fast 1,2 Millionen Asylerstanträge habe es 2015/2016 in Deutschland zu verzeichnen gegeben, letztes Jahr seien es knapp 200 000 gewesen. Eine Zahl, die wohl auch heuer wieder erreicht wird, schätzte der Referent die Lage ein. Genaue Zahlen habe es lange Zeit nicht gegeben, da sich die Flüchtlinge bei verschiedenen Stellen gemeldet hätten. Das wiederum habe den Anstoß gegeben, die diversen Behörden besser untereinander zu vernetzen.
Unzählige Klagen
Derzeit gebe es für die Verwaltungsgerichte große Herausforderungen beim Bearbeiten der unzähligen Klagen gegen die Ablehnung von Asyl­anträgen. Unter den Altersklassen der arbeitslosen Flüchtlinge steche die der 25- bis 35-Jährigen am stärksten hervor. Sie mache etwa ein Drittel aus. 70 Prozent der Geflüchteten seien zudem männlich. Zwei Zahlen, die in Kombination gerne mal für Ressentiments sorgen.
Cammen deutete beide Quoten positiv. Denn gerade diese Klientel „können wir gut investieren“. Bildung lau­te hier das Zauberwort. Auf eine abgeschlossene Ausbildung könnten zwar nur wenige verweisen, verfügten aber über berufsfachliches Wissen. Das müsse stärker berücksichtigt werden – auch bei Langzeitarbeitslosen. Auf diese Weise setze die Flüchtlingsthematik wertvolle Impuls für den Arbeitsmarkt insgesamt. So werde derzeit nach Möglichkeiten von Teilqualifizierungen gesucht und schrittweise ein Kompetenzerfassungssystem installiert.
Es gehe aber nicht darum, das Sys­tem der dualen Ausbildung zu ersetzen, betonte Cammen. Dennoch sei es nach wie vor so, dass zwei Drittel der Flüchtlinge, die dem Arbeitsmarkt zu Verfügung stehen, als Helfer in den Firmen landeten. Im Einzugsbereich der Agentur für Arbeit Ansbach-Weißenburg gebe es derzeit 1 100 Arbeit suchende Geflüchtete, von diesen seien 1 001 Kunden des Jobcenters.
Ein wirkliches Problem in ganz Deutschland sei die hohe Quote von 43 Prozent der Arbeit suchenden Flüchtlinge, die über schlechte bis keine Deutschkenntnisse verfügten. „Da ist es auch meine Aufgabe, auf das Bun­desamt für Migration und Flüchtlinge mehr Druck auszuüben“, denn die sollten der deutschen Sprache mächtig sein, um auf dem Arbeitsmarkt Anschluss finden zu können, so der Referent unmissverständlich.
Fachkräfte ausbilden
Ein Weg, um hier Abhilfe zu schaffen, könnte die Verknüpfung von Sprachkurs und Arbeitsmarktmaßnahme sein, damit die Betreffenden das Gelernte gleich umsetzen könnten. Dazu aber brauche es in der Regel zwei Kursträger, was im ländlichen Raum schwer zu verwirklichen sei. In einer zentralen Frage leistete Cammen förmlich Abbitte. Falls aus den Reihen seiner Behörde 2015 der Satz gefallen sei, dass mit den Flüchtlingen lauter Fachkräfte nach Deutschland kommen, „dann müssen wir das revidieren“. Es seien Menschen gekommen,
in die man noch kräftig investieren müsse, damit sie die „Fachkräfte von übermorgen“ werden.
Es müsse aber auch klar sein, dass viele erst einmal nicht an Weiterbildung denken, sondern ans Arbeiten. In vielen Fällen müssten noch die finanziellen Löcher gestopft werden, die die Schlepperkosten in die Kassen gerissen hätten.
Wo der Schuh vor Ort drückt, machten die Gäste nach dem Vortrag deutlich. Die Geflüchteten hätten oftmals „gar keine Qualifikation“, auf der sich aufbauen lasse, bedauerte etwa ÖDP-Kreischef Reinhard Ebert aus seiner Erfahrung in Heidenheim. Kurse in der dortigen Sammelunterkunft zu organisieren, sei „ein hartes Brot“, bestätigte auch Dorothee Bucka, die Leiterin der Freiwilligenagentur Altmühlfranken. Eva Sieland-Hirschmann, die sich als Alltagsbegleitung für Flüchtlinge bei „Weißenburg hilft“ engagiert, zeigte sich ernüchtert über die Wege ihrer Betreuten in den Arbeitsmarkt. Sie landeten allesamt im Drei-Schicht-System – auch die gut Gebildeten.
Schützenhilfe gab es von der evangelischen Dekanin Ingrid Gottwald-Weber: „Da bräuchte es eine andere Form der Unterstützung!“ Am Ende gab es ein leidenschaftliches Plädoyer von Ute Ernst, Chefin des Arbeitgeberservice der hiesigen Agentur für Arbeit. Ihr Klientel interessiere sich sehr für Flüchtlinge, was aber durch die Gesetzeslage immer wieder konterkariert werde. „Wir müssen möglichst viele in Ausbildung bringen“, appellierte Ernst und warnte vor den Folgen, falls dies nicht passiere: „Sonst schwindet die gesellschaftliche Akzeptanz.“
Quelle: Jürgen Leykamm / Weißenburger Tagblatt

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